Mittelitalien: Die antike Skulpturengruppe von Pergola und ihr ungelöstes Geheimnis


Die malerische Landschaft der Marken bei San Pietro di Arcevia, unten rechts unser Ferienhaus.

Die malerische Landschaft der Marken bei San Pietro di Arcevia, unten rechts unser Ferienhaus.

Jeder kennt Rimini, aber warst Du schon einmal südlich davon in der landschaftlich ungewöhnlich schönen Region Marken? Die Region ist zwar kein echter Geheim-Tipp mehr. Doch hat sie sich trotz der Traumstrände, mittelalterlichen Stadtjuwelen, atemberaubenden Landschaft und kulinarischen Genüsse ihren authentischen Charakter bewahrt.

Zu finden ist die Region im östlichen Mittelitalien zwischen Adriaküste und Apennin, ein Gebiet, das erstaunlicherweise vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben ist. Wir verbrachten im Sommer 2012 eine wunderbar schöne Zeit in den Marken (Link zu unserer Ferienwohnung, dort ist auch meine Rezension zu finden).

Archäologische Funde an der Via Flaminia

Besonders interessant fanden wir, was uns die Plätze, Monumente und versteckte Steine erzählen, die über Jahrhunderte zu den antiken Fernstraßen gehörten und bis heute erhalten sind. So war es für uns besonders ergiebig den Abschnitt der Römerstraße Via Flaminia, die über den Apennin quer durch die Marken zum Meer hinabführt, zu erkunden. Überall an der Strecke sind Ausgrabungen zu finden: Brücken, Amphiteater, Villen, Mosaike, Triumphbogen und als Höhepunkt der Tunnel durch die Schlucht Gola der Furlo.

Die Adriaküste ist seit Jahrzehnten ein Mekka sonnenhungriger Badeurlauber, aber nur wenige von ihnen wagen sich weg von den Stränden ins Landesinnere, wo man Orte finden kann, an denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Einer dieser hübschen Orte im Landesinneren ist Pergola, eine kleine Stadt zwischen den Weinbergen, im Tal des Flusses Cesano.

Im mittelalterlichen Stadtkern sind noch zahlreiche Palazzis und romanische Kirchen erhalten. Pergola war ein Handelszentrum zwischen Umbrien und den Städten und Häfen an der Adriaküste. Sonst hat sich der Ort in vielen Punkten ähnlich wie die anderen Städtchen in den nördlichen Marken entwickelt.


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Das Geheimnis der Skulpturengruppe von Pergola

Berühmtheit erlangte Pergola durch einen ungewöhnlichen archäologischen Fund. Die spannende Geschichte um den Skulpturen-Fund, war einer der interessantesten Ausflüge unserer Reise in die Marken: Im Juni 1946 entdeckten die Brüder Peruzzini bei der Feldarbeit, bei dem Weiler Cartoceto di Pergola, mehrere riesige Metallstücke, offensichtlich aus Gold.

Für die armen Brüder muss dieser Fund auf ihrem Acker wie ein Geschenk des Himmels gewirkt haben. Leider hatten die beiden anfänglich so glücklichen Finder, später nichts davon, denn sofort schalteten sich die zuständigen Behörden aus Ancona ein und beschlagnahmten den Fund.

Die Statuen von “Cartoceto di Pergola” sind eine der wenigen, römischen Figurengruppen, die bis heute überdauert hat.

Die Statuen von “Cartoceto di Pergola” sind eine der wenigen, römischen Figurengruppen, die bis heute überdauert hat.

Entdeckt wurden bei den darauf folgenden Grabungen die Bruchstücke einer überlebensgroßen Bronzegruppe aus dem 1. Jhd. n. Chr., für die Archäologie eine Sensation. Vergoldetete Bronzestatuen aus der Antike oder dem Mittelalter sind sehr selten.

Das Material war sehr kostbar, ideal um Münzen, Glocken oder Kanonen herzustellen. Die Statuen von Cartoceto di Pergola sind eine der wenigen, römischen Reiter- und Figurengruppen, die bis heute überdauert hat. Lediglich zwei weitere Bronzenstatuen haben die Jahrtausende überlebt: Die Quadriga des Markusdoms in Venedig und die Reiterstatue Marc Aurels in Rom.

Ursprünglich bestand die Gruppe aus zwei Pferden, zwei Rittern und zwei stehenden Frauen. Einige dieser Fundstücke wogen mehrere hundert Kilogramm. Die Restaurierung wurde von 1949 bis 1988 in mehreren Phasen durchgeführt. Insgesamt wurden 318 Stücke zu vier Figuren zusammengesetzt.

Die Figuren wurden nicht weit von einer Kreuzung der antiken römischen Handelsstraßen Via Flaminia und der Via Salaria Gallica entdeckt. Dieser Fundort, fernab jedes urbanen Zentrums, hat zu der Annahme geführt, dass die Statuen von ihrem eigentlichen Standort entfernt und in der Spätantike an diesen Ort überführt oder versteckt wurden. Warum auch immer die wertvollen Figuren auf einem Acker bei Pergola landeten wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Möglicherweise haben Diebe die Beute in der einsamen Lage versteckt, und so für uns diesen bewundernswerten Schatz erhalten.

Wer ist auf den Skulpturen dargestellt?

Wahrscheinlich waren die dargestellten Personen alles Mitglieder einer der römischen Senatsfamilie. Möglicherweise gehören die Personen zur kaiserlichen Familie der Julisch-Claudischen Dynastie. Somit wären die Statuen aus den Jahren 20 bis 30 n. Chr. zu datieren. Die Reiter wären demnach die Söhne des Feldherrn Germanicus: Nero Caesar und Drusus III.

Die Frauen wären: Germanicus‘ Mutter Livia Drusilla und Agrippina, Germanicus‘ Frau. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Abtransport der Statuen, auf eine damnatio memoriae (Tilgung des Andenkens an eine oder mehrere Personen) zurückzuführen ist, die vom römischen Kaiser Tiberius gegen die beiden Söhne der Agrippina ausgesprochen wurde.

Die Statuen könnten auch aus der Zeit zwischen 50 bis 30 v. Chr. stammen. Stellen Mitglieder römischen Legaten dar, die hier in der Region lebten, in der sie nach Jahrhunderten entdeckt wurden. Mehrere Familien werden diskutiert: Familie des Domitius Ahenobarbus (u.a. dem Vater von Nero), Familie des Marcus Satrius (Senator in der Region von Sassoferrato), oder die Familie des Lucius Minusius Basilius. Letzterer gehörte zur Gruppe der Cäsarmörder. Ein durchaus illustrer Kreis!

Der römische Offizier auf seinem Pferd. Foto: tourismo.marche.it

Ein römischer Offizier auf seinem Pferd. Foto: tourismo.marche.it

Die Statuen wurden im Wachsausschmelzverfahren auf Basis einer Kupferlegierung hergestellt, erst nach der Fertigstellung wurden die Figurengruppe mit Blattgold überzogen. Der ursprüngliche Standort der Statuen ist bis heute ungewiss. Eine Hypothese geht davon aus, dass die Figurengruppe ursprünglich auf einem Sockel an einem öffentlichen Platz stand, wahrscheinlich auf dem Forum einer Stadt nahe dem jetzigen Fundort.


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Wo sollte die Figurengruppe aufgestellt werden?

Eine weitere Hypothese mutmaßt, dass die Figurengruppe niemals aufgestellt worden war, weshalb man auch über die geplante Anordnung und ihren vorgesehenen Aufstellungsort nichts weiß. Oder ist auf dem Weg von der Herstellung zum Bestimmungsort der Transport überfallen worden, und konnten die Räuber nicht die ganze Beute wegschaffen? Oder war es nicht mehr opportun, die Statuen überhaupt aufzustellen? Ein wahres Abenteuer steckt hinter der Geschichte!

Die wahrscheinlichsten Aufstellungs- oder Zielorte könnte Frossombrone, die am nächsten gelegenen Stadt, sein. Eventuell das Forum in Sassoferrato, wo die Existenz einer Gießerei für große Statuen belegt werden konnte. Möglich wäre noch das Forum in Suasa, dort wurden große Fragmente eines ähnlichen vergoldeten Bronzepferdes gefunden.

Eine Fund von europäischer Bedeutung, wurde vor ein paar Jahren in Norddeutschland gemacht. Bei Ausgrabungen in Waldgirmes (Gemeinde Lahnau, Lahn-Dill-Kreis) im August 2009 entdeckten Archäologen einen lebensgroßen Pferdekopf, der zu einer vergoldeten römischen Reiterstatue gehörte. Diese Bronzeskulptur gehört qualitativ zu den besten Stücken, die jemals auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reichs gefunden wurden.

Die Reiterstatue muss in den Jahren 4 oder 3 vor Christus – zur Zeit der Anlage der römischen Stadt Waldgirmes – aufgestellt worden sein. Um 9 nach Christus, nach der Niederlage des Varus in der so genannten Schlacht im Teutoburger Wald, gaben die Römer die Stadt auf. Das Standbild wurde von nachfolgenden Germanen zerschlagen und der Pferdekopf in einem Brunnen versenkt.

Pferdekopf_Waldgirmes3

Ein Fund von europäischer Bedeutung: Der Pferdekopf von Waldgirmes.

Der Phantasie sind bei diesem Sensationsfund keine Grenzen gesetzt

Es gibt nur zwei unmittelbar vergleichbare Stücke im Gebiet des ehemaligen Imperium Romanum: Die beiden Reiterstatuen der Bronzen aus Cartoceto di Pergola, Provinz Pesaro-Urbino, Region Marken, in Italien. Ihre Datierung und die Identifikation der Dargestellten sind in der Fachwelt umstritten. Der Neufund von Waldgirmes könnte hier völlig neue Datierungs- und auch Identifikationsansätze bieten, denn zumindest die Aufstellungszeit der Statue in der römischen Stadt lässt sich auf weniger als zwei Jahrzehnte genau bestimmen.

So sind unserer Phantasie, um das geheimnisvolle Versteck der Bronzefiguren keine Grenzen gesetzt. Die abenteuerliche Geschichte könnte Thema eines spannenden historischen Romans sein. Die originalen Bronzi Dorati sind heute im Museum in Pergola zu bewundern. Im Museumsladen gibt es einen kleinen Führer, in englisch oder italienisch zu kaufen. Das Museo Natinale delle Marche in Ancona stellt, publikumswirksam auf dem Dach des Museums, eine perfekte Kopie aus.


Unsere Ristorante-Empfehlung La Grotta di Loretello


Museo „Bonzi dei dorati della Citta Pergola“:
www.bronzidorati.com

Museo Archeologico Nazionale delle Marche, Ancona
www.archeomarche.beniculturali.it

Link zum Deutschen Archäologischen Institut:
www.dainst.org


Video (ital.) der Skulpturen von Cartoceto im Museum von Pergola, von Marchetourism:


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