Marken: Archäologische Entdeckungsreise an der Via Flaminia


Marken: Archäologische Entdeckungsreise an der Via Flaminia - Die malerische Landschaft der Marken bei San Pietro di Arcevia, unten rechts unser Ferienhaus.

Die malerische Landschaft der Marken bei San Pietro di Arcevia, unten rechts unser Ferienhaus. Die Region erinnert uns im Hinterland an die Toskana und Umbrien, nur ohne Massentourismus.

Jeder kennt Rimini, aber warst Du schon einmal südlich davon in der landschaftlich ungewöhnlich schönen Region Marken? Im Hinterland sind die Marken (italienisch: Marche) noch ein echter Geheim-Tipp. Trotz der Traumstrände, mittelalterlichen Stadtjuwelen, atemberaubenden Landschaften und kulinarischen Genüsse, hat sich die Region ihren authentischen Charakter bewahrt.

Die Marken liegen im östlichen Mittelitalien zwischen Adriaküste und Apennin, ein Gebiet, das erstaunlicherweise vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben ist. Wir verbrachten eine wunderbar schöne Zeit in den Marken. Genauer gesagt in der Provinz Ancona, im Gemeindegebiet um Arcevia, einer Kleinstadt mit knapp 5.000 Einwohnern. Landschaftlich erinnern uns die Marken an die Toskana und Umbrien, nur ohne Massentourismus. Und zum Meer ist es meist nicht weit…

Archäologische Funde an der Via Flaminia

Unsere Reise in die Marken führt uns zu archäologischen eindrucksvollen Schätzen und wahren Raritäten. Inspirierende Monumente und Ausgrabungs-Areale erzählen Geschichten aus der fernen Vergangenheit. All diese bis heute erhaltenen Orte, gehörten über Jahrhunderte zur antiken Fernstraße Via Flaminia.

Besonders ergiebig ist für historisch Interessierte Reisende der Abschnitt entlang der Römerstraße Via Flaminia. Diese führt über den Apennin quer durch die Marken zur Adria hinab. Überall an der Strecke sind Ausgrabungen zu finden: Brücken, Amphiteater, Villen, Mosaike, Triumphbogen und als Höhepunkt ein römischer Tunnel durch die Schlucht Gola der Furlo. Für diese Erkundungstouren begleitete uns das Fachbuch: „Von Rom nach Rimini: Eine Reise auf der Via Flaminia“ (Buchtipp unten).

Die Adriaküste ist seit Jahrzehnten ein Mekka sonnenhungriger Badeurlauber, aber nur wenige von ihnen wagen sich weg von den Stränden ins Landesinnere. Dort kann man Orte finden, an denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Einer dieser hübschen Orte im Landesinneren ist Pergola, eine kleine Stadt zwischen den Weinbergen, im Tal des Flusses Cesano.

Im mittelalterlichen Stadtkern sind noch zahlreiche Palazzis und romanische Kirchen erhalten. Pergola war einst ein Handelszentrum, zwischen Umbrien und den Hafenstädten an der Adriaküste. Sonst hat sich der Ort ähnlich wie die anderen Städtchen in den nördlichen Marken entwickelt.


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Das Geheimnis der Skulpturengruppe von Pergola

Marken: Archäologische Entdeckungsreise an der Via Flaminia - Die Statuen von “Cartoceto di Pergola” sind eine der wenigen, römischen Figurengruppen, die bis heute überdauert hat.

Die vergoldeten Bronzestatuen von “Cartoceto di Pergola” sind eine der wenigen, römischen Figurengruppen, die bis heute überdauert haben.

Berühmtheit erlangte Pergola durch einen ungewöhnlichen archäologischen Fund. Die spannende Geschichte um den Skulpturen-Fund, war einer der interessantesten Ausflüge unserer Reise in die Marken: Im Juni 1946 entdeckten die Brüder Peruzzini bei der Feldarbeit, bei dem Weiler Cartoceto di Pergola, mehrere riesige Metallstücke, offensichtlich aus Gold.

Für die armen Brüder muss dieser Fund auf ihrem Acker wie ein Geschenk des Himmels gewirkt haben. Leider hatten die beiden anfänglich so glücklichen Finder, später nichts davon, denn sofort schalteten sich die zuständigen Behörden aus Ancona ein und beschlagnahmten den Fund.

Entdeckt wurden bei den darauf folgenden Grabungen die Bruchstücke einer überlebensgroßen Bronzegruppe aus dem 1. Jhd. n. Chr. – für die Archäologen eine Sensation. Gut erhaltenene, vergoldetete Bronzestatuen aus der Antike sind sehr selten.

Das Material war sehr kostbar, ideal um Münzen, Glocken oder Kanonen herzustellen. Die Statuen von Cartoceto di Pergola sind eine der wenigen, römischen Reiter- und Figurengruppen, die bis heute überdauert haben. Lediglich zwei weitere Bronzenstatuen haben die Jahrtausende überlebt:

  • Die Quadriga des Markusdoms in Venedig.
  • Die Reiterstatue des römischen Kaisers Marc Aurel in Rom.

Ursprünglich bestand die Gruppe aus zwei Pferden, zwei Rittern und zwei stehenden Frauen. Einige dieser Fundstücke wogen mehrere hundert Kilogramm. Die Restaurierung wurde von 1949 bis 1988 in mehreren Phasen durchgeführt. Insgesamt wurden 318 Stücke zu vier Figuren zusammengesetzt.

Die Figuren wurden nahe einer Kreuzung der römischen Handelsstraßen Via Flaminia und der Via Salaria Gallica entdeckt. Ein Fundort, fernab jeglichen urbanen Zentrums. Dies führte zu der Annahme, dass die Statuen von ihrem ursprünglichen Standort entfernt und in der Spätantike an diesen Ort überführt wurden. Oder vielleicht sogar versteckt wurden?

Warum auch immer die wertvollen Skulpturen auf einem Acker bei Pergola landeten wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Möglicherweise haben Diebe die Beute in der einsamen Lage bei Pergola versteckt und wurden beim Vergraben überrumpelt? Was auch immer geschah, der bewundernswerte Schatz blieb für die Nachwelt erhalten.

Wer ist auf den Skulpturen dargestellt?

Marken: Archäologische Entdeckungsreise an der Via Flaminia - Der römische Offizier auf seinem Pferd. Foto: tourismo.marche.it

Ein römischer Offizier auf seinem Pferd. Foto: tourismo.marche.it

Wahrscheinlich sind die dargestellten Personen alles Mitglieder einer der römischen Senatsfamilie. Sie gehörten vermutlich zur kaiserlichen Familie der Julisch-Claudischen Dynastie. Somit wären die Statuen aus den Jahren 20 bis 30 n. Chr. zu datieren. Die Reiter wären demnach die Söhne des Feldherrn Germanicus: Nero Caesar und Drusus III.

Die Frauen wären: Germanicus‘ Mutter Livia Drusilla und Agrippina, Germanicus‘ Frau. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Abtransport der Statuen, auf eine „damnatio memoriae“ (Tilgung des Andenkens an eine, oder mehrere Personen) zurückzuführen ist. Diese wurde vom römischen Kaiser Tiberius gegen die beiden Söhne der Agrippina ausgesprochen.

Die Statuen könnten auch aus der Zeit zwischen 50 bis 30 v. Chr. stammen. Stellen Mitglieder römischen Legaten dar, die hier in der Region lebten, in der sie nach Jahrhunderten entdeckt wurden.

Mehrere Familien werden diskutiert: Familie des Domitius Ahenobarbus (u.a. dem Vater des späteren Kaisers Nero), Familie des Marcus Satrius (Senator in der Region von Sassoferrato), oder die Familie des Lucius Minusius Basilius. Letzterer gehörte zur Gruppe der Cäsarmörder. Ein durchaus illustrer Kreis!

Die Statuen wurden im Wachsausschmelzverfahren auf Basis einer Kupferlegierung hergestellt, erst nach der Fertigstellung wurden die Figurengruppe mit Blattgold überzogen. Der ursprüngliche Standort der Statuen ist bis heute ungewiss. Eine Hypothese geht davon aus, dass die Figurengruppe ursprünglich auf einem Sockel an einem öffentlichen Platz stand, wahrscheinlich auf dem Forum einer Stadt nahe dem jetzigen Fundort. Vielleicht in einer Hafenstadt wie Ancona oder Fano?


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Wo sollte die Figurengruppe aufgestellt werden?

Eine weitere Hypothese mutmaßt, dass die Figurengruppe niemals aufgestellt worden war. Daher weiß man auch über die geplante Anordnung und ihren vorgesehenen Aufstellungsort nichts. Oder ist auf dem Weg von der Herstellung zum Bestimmungsort der Transport überfallen worden, und konnten die Räuber nicht die ganze Beute wegschaffen? Oder war es nicht mehr opportun, die Statuen überhaupt aufzustellen? Ein wahres Abenteuer steckt hinter der Geschichte!

Die wahrscheinlichsten Aufstellungs- oder Zielorte könnte Frossombrone, die am nächsten gelegenen Stadt, sein. Eventuell das Forum in Sassoferrato, wo die Existenz einer Gießerei für große Statuen belegt werden konnte. Möglich wäre noch das Forum in Suasa, dort wurden große Fragmente eines ähnlichen vergoldeten Bronzepferdes gefunden.

Der Pferdekopf von Waldgirmes: Lösung im Fall „Pergola“?

Marken: Archäologische Entdeckungsreise an der Via Flaminia - Pferdekopf Waldgirmes

Ein Fund von europäischer Bedeutung: Der Pferdekopf von Waldgirmes.

Eine Fund von europäischer Bedeutung, wurde vor ein paar Jahren in Norddeutschland gemacht. Bei Ausgrabungen in Waldgirmes (Mittelhessen, Lahn-Dill-Kreis) im August 2009 entdeckten Archäologen einen lebensgroßen Pferdekopf, der zu einer vergoldeten römischen Reiterstatue gehörte. Diese Bronzeskulptur gehört qualitativ zu den besten Stücken, die jemals auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reichs gefunden wurden.

Die Reiterstatue muss in den Jahren 4 oder 3 v. Chr. – zur Zeit der Anlage der römischen Stadt Waldgirmes – aufgestellt worden sein. Um 9 n. Chr., nach der Niederlage des Varus in der so genannten Schlacht im Teutoburger Wald, gaben die Römer die Stadt auf. Das Standbild wurde von nachfolgenden Germanen zerschlagen und der Pferdekopf in einem Brunnen versenkt.

Es gibt nur zwei unmittelbar vergleichbare Stücke im Gebiet des ehemaligen Imperium Romanum: Die beiden Reiterstatuen der Bronzen aus Cartoceto di Pergola, in den italienischen Marken. Die Datierung und Identifikation der Dargestellten sind bei Forschern umstritten. Der Fund von Waldgirmes könnte hier völlig neue Datierungs- und auch Identifikationsansätze bieten, denn zumindest die Aufstellungszeit der Statue in der römischen Stadt lässt sich auf weniger als zwei Jahrzehnte genau bestimmen.

So sind unserer Phantasie, um das geheimnisvolle Versteck der Bronzefiguren keine Grenzen gesetzt. Die abenteuerliche Geschichte könnte Thema eines spannenden historischen Romans sein. Die originalen Bronzi Dorati sind heute im Museum in Pergola zu bewundern. Im Museumsladen gibt es einen kleinen Führer, in englisch oder italienisch zu kaufen. Das Museo Natinale delle Marche in Ancona stellt, publikumswirksam auf dem Dach des Museums, eine perfekte Kopie aus.


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Mehr Infos zu den „Bronzi Dorati“ aus Cartoceto di Pergola

Buchtipp

Verlag Phillip von Zabern, Von Rom nach Rimini: Eine Reise auf der Via Flaminia,
von Gerhard Binder, 1. Auflage 2008.


Video (ital.) der Skulpturen von Cartoceto im Museum von Pergola, von Marchetourism:


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