Schiffswrack von Antikythera: Sonderausstellungen in Athen & Basel und die Expeditionen 2014/15


Viel mehr als ein Klumpen Kupfer: Der Mechanismus von Antikythera.

Viel mehr als ein Klumpen Kupfer: Der Mechanismus von Antikythera.

Für jeden Antikenbegeisterten ist das Archäologische Nationalmuseum in Athen eine wahre Pilgerstätte. Es gilt als wichtigste Sammlung von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen der Antike in Griechenland. Etwa elftausend Ausstellungsobjekte sind hier versammelt. Ganze Wochen könnten wir bei diesen Schätzen verbringen.

Bei unserem Besuch in Athen im März 2014, hatten wir die Gelegenheit die Sonderausstellung Das Schiffswrack von Antikythera: Das Schiff, die Schätze, der Mechanismus besichtigen zu können.

Die ausgesprochen erfolgreiche Ausstellung in Athen lief vom 6. April 2010 bis 29. Juni 2014, wurde wegen großer Nachfrage zweimal verlängert und ist mit einem Besucherrekord zu Ende gegangen. Wir können sagen: Wir haben eine derartig eindrucksvolle Ausstellung wie diese, bisher selten besucht.


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Funde von Antikythera im Athener Nationalmuseum

Eng und dunkel ist es in den Austellungsräumen, die Fundstücke haben den geheimnisvollen Charme eines von Tauchern gestörten Unterwasser-Stilllebens. Der Wert von einzelnen dieser dezent beleuchteten Kunstwerke im Archäologischen Nationalmuseum in Athen ist kaum schätzbar.

Aber den eigentlichen Reiz dieser Ausstellung macht die Gesamtheit der Stücke als Ensemble aus, mit Marmorstatuen, die erstmals seit ihrer Bergung vor über hundert Jahren aus den Archiven geholt und von fantastischen griechischen Steinmetzen, die um die Rettung jedes einzelnen Stücks kämpften, für uns Besucher präsentabel gemacht wurden.

Doch nun zum Kern der Ausstellung: Das berühmte Schiffswrack von Antikythera ist ein unangefochtener Jahrhunderfund für die Unterwasserarchäologie. Schwammtaucher entdeckten im Jahr 1900, in 42 Metern Tiefe den Arm einer Bronzestatue auf dem Meeresboden vor der griechischen Insel Antikiythera.

Die kleine felsige Insel liegt zwischen dem südlichen Peloponnes und Westkreta. Fast vierhundert antike Kunstschätze wurden bis 1901 gehoben, für die Unterwasserexpedition setzten die griechischen Taucher ihr Leben aufs Spiel.

Das Schiff hatte wertvolleste Marmor- und Bronzestatuen sowie Silbermünzen aus Pergamon und Ephesus geladen. Auf der Rückfahrt von der ionischen Küste nach Rom war es auf einen Felsen aufgelaufen und gesunken.

Anhand der Münzfunde auf dem Wrack kann es auf die Zeit zwischen 70 und 60 v. Chr. datiert werden. Aber der eigentliche, zugegeben etwas unscheinbare Sensationsfund, ist ein technisches Instrument – ein zahnradgetriebener Kalender.


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Der Sensationsfund: Ein korrodierter Klumpen Kupfer

Wüsste man nicht, dass es ein solches Wunderwerk wie den Mechanismus von Antikythera gibt, hielte man seine Existenz für völlig unmöglich. Die Sensation wirkt im Museum zunächst wie ein Klumpen Kupfer, stark korrodiert. Dennoch, man steht vor einem Wunder, meergrün schimmernd.

Das Instrument, war seiner Zeit um Jahrhunderte, in Westeuropa sogar um fünfzehn Jahrhunderte voraus! Gehört hatte ich von dem antiken Computer bereits – kannte ihn jedoch nur von TV-Dokumentationen. Die Maschine jetzt in der Realität betrachten zu können war für mich ein sehr besonderes Erlebnis!

Die Griechen, hatten damit ein Kalendarium zur Hand, mit dem sich Zeitzyklen bestimmen ließen. Auf die Bewegung der Himmelskörper, die Laufbahn von Sonne und Mond waren Rädchen und Scheiben minutiös eingestellt.

Dem analogen Gerät war das Wissen fremder Welten eingeschrieben, das über den altägyptischen Tierkreis ebenso, wie astronomisches Wissen der Babylonier verfügte. Ein Uhrwerk der ganz besonderen Art, nicht für den Tag gemacht, aber doch eine Uhr, eine für gewaltige Zeiträume.


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Ciceros Bestellung kam nie an

Dennoch galt das Augenmerk der Archäologen zunächst den augenfälligeren Schätzen unter den Funden: Einer Bronzestatue des Paris, einem bronzenen Kopf eines Philosophen, drei Jünglingen, einer Kore, zwei Statuen der Aphrodite, zwei Statuen und einem Kopf der Gottes Hermes, zwei Statuen des Herakles, vier des Appollon, einer von Zeus, einer von Philoktetes, zwei des Odysseus, einer des Achilleus, sowie vier Pferden einer Quadriga.

Die Kunstwerke waren für die Gärten und Villen reicher Römer bestimmt. Wir wissen, dass Cicero mit Ungeduld auf seine bestelle Ware wartete, die dann nie bei ihm ankam. Stammt womöglich eines der Ausstellungsstücke aus seiner Bestellung?

Jacques Cousteau forschte in Antikythera

Erst 75 Jahre später, Mitte der 70er-Jahre, wurden über der gefährlichen Stelle vor Antikythera die Anker des berühmten Forschungsschiffes Calypso ausgeworfen. Jacques Cousteau, der sich die Unterwasserwelt zu seinem Lebensmittelpunkt machte, fischte weitere Reichtümer vom Mittelmeeresgrund ab. Cousteau, der talentierte PR-Aktivist, verstand es, zahllose Menschen erneut auf diesen Sensationsfund zu stoßen.


Lesestoff zu den Funden von Antikythera

Antike Welt Nr. 5-2015 antikytheraAnlässlich der Sonderausstellung in Basel hat sich die Ausgabe der Zeitschrift Antike Welt Nr. 5/2015 (Erscheinungsdatum: 24. September 2015) das Schiffwrack von Antikythera zum Titelthema genommen. Fachkundig wird die Geschichte des römischen Transportschiffs, das um 70/60 v. Chr. in einem Sturm sank, erzählt. Der Frachter war auf dem Weg von Griechenland nach Italien, hatte griechische Kunst für den römischen Markt an Bord: Skulpturen aus Marmor und Bronze, Goldschmuck, silberne Münzen und Gefäße, reich verzierte Gläser, prächtige Möbel und Transportamphoren.

Informative Artikel von Dr. Brendan Foley, Yanis Bitsakis, Esau Dozio, Laurent Gorgerat, Tomas Lochman, Andrea Bignasca und Maria Lagogianni-Gerogakarakos.


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War Archimedes der Erfinder des Mechanismus?

Stammt also der Kythera-Mechanismus, der mit dem Schiff unterging, wirklich aus dem damaligen Kleinasien? Forscher vermuten mittlerweile seine Ursprünge auf Sizilien, genauer gesagt in Syrakus. Es gibt chriftliche Quellen des römischen Politikers Cicero, in denen er über den berühmten griechischen Mathematiker Archimedes (Astronom, Modellbauer der Planetenkonstellationen, Erbauer von Zahnrädern) berichtet.

Damit weitet sich der Horizont ein weiteres Mal, durch Raum und Zeit. Denn was Cicero etwa um 100 v. Chr. niederschrieb, bezog sich auf das Wirken eines Entdeckers und Erfinders der zweihundert Jahre vor ihm gelebt hatte.

Auch eine neue Studie zeigt, dass die Maschine älter ist als bislang angenommen. Der Antikcomputer stamme aus dem Jahr 205 vor Christus, behaupten James Evans von der University of Puget Sound in Tacoma (USA) und sein Kollege Christian Carman im Fachblatt „Archive for History of Exact Science“.

Er wäre damit 50 bis 100 Jahre älter als bislang angenommen. Mit der neuen Altersbestimmung stellt sich auch die Frage nach seinen Schöpfern neu. Vor allem rückt sie Archimedes wieder zurück in den Fokus. Zwar kommt er als Erbauer nicht infrage, denn er starb im Jahr 212 vor Christus. Doch womöglich hat der Grieche wichtige und entscheidende Vorarbeiten dazu geleistet.

Mechanismus ermöglicht Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternis

Seit 2005 untersuchten Forscher den Mechanismus mit einem der besten hochauflösenden 3D-Röntgen-Tomografen. Dadurch ergaben sich neue Erkenntnisse über die Arbeitsweise des Mechanismus. Mit dem Drehen einer Kurbel setzten sich mindestens dreißig Zahnräder und drei Skalenblätter auf der Vorder- und Rückseite des Gerätes in Bewegung.

So konnte man ausgehend vom Vier-Jahres-Zyklus der Olympischen oder anderer Panhellenischer Spiele astronomische Ereignisse wie Sonnen- oder Mondfinsternisse vorhersagen. Die Spiele dienten als Grundlage der Zeitrechnung.

Diese Erkenntnisse waren aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen war für die Völker der Antike Astronomie bedeutsam, weil der Lauf der Sonne und des Mondes die Grundlage des Kalenders bildeten, nach dem die Bauern den Zeitpunkt der Aussaat festlegten.

Zum anderen waren die Sterne eine Navigationshilfe auf See. Bei den alten Griechen hatte die Stellung der Himmelskörper Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum diese Erkenntnisse wertvoll waren.

Für die Babylonier war die Möglichkeit, Sonnen- und Mondfinsternisse vorherzusagen, wichtig, weil diese Ereignisse als schlechtes Omen galten“. Man könnte den Mechanismus eigentlich als politisches Instrument betrachten, das es Regenten ermöglichte, ihre Untertanen zu beherrschen. Einige vermuten sogar, der Mechanismus sei vom Militär und der Politik geheimgehalten worden und deshalb sei so wenig über ihn bekannt.


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Return to Antikythera: Expeditionen von 2015/15

Seit September 2014 gibt es weitere Forschungen am Schiffswrack. Die neue Expedition vermutet weitere Objekte an Fundort des „antikem Computers“. Ein neuer hochmoderner kanadischer Tauchanzug, mit dem Namen Exosuit vom Hersteller Hublot, erlaubt den Forschern sehr viel tiefer zu tauchen und auch länger unter Wasser zu arbeiten als bisher.

Im Oktober 2014 war die Untersuchung, die überwiegend mit Metalldetektoren ausgeführt wurde abgeschloßen. Es soll mit dieser Expedition geklärt werden, ob noch weitere Teile des antiken Rechners dort unten liegen. Oder es womöglich noch weitere Maschinen ähnlicher Bauart gibt.

Dass etwas Entscheidendes fehlt, glauben die Forscher auch deshalb, weil ein Fragment des Mechanismus nicht zu den restlichen Teilen passt. Vielleicht liegen irgendwo da unten noch mehr Ur-Rechner im Sand. Interessant ist weiterhin, dass ein zweites Schiffwrack nur 250 Meter von dem ersten entdeckt wurde. Experten glauben nun, dass die Schiffe gemeinsam unterwegs waren. Somit wäre denkbar, dass ein zweiter Mechanismus entdeckt wird.

Nähere Aufnahmen der mehr als einen Meter langen Bleianker und der Schiffsplanken belegen, dass das Schiff von Antikythera bis zu 50 Meter lang gewesen sein muss – und damit deutlich größer als bisher gedacht. Die Belege zeigen, dass dies das größte antike Schiffswrack ist, das je entdeckt wurde. Unter den neuen Funden ist auch ein zwei Meter langer Speer aus Bronze. Er ist zu groß und schwer ist, um als Waffe genutzt worden zu sein.

Die Forscher vermuten, dass er zu einer bronzenen Statue gehörte, möglicherweise der Kriegsgöttin Athene. Bereits 1901 hatten die frühen Taucher vier überlebensgroße Marmorstatuen von Pferden entdeckt, vielleicht gehörten diese zur Statue. Die Archäologen haben die diesjährige Tauchsaison Ende Oktober 2014 abgeschlossen, wollen aber die Erkundung des Wracks 2015 fortsetzen.

Juni 2015: Fortsetzung der Tauchexpedition vor Antikythera

Auf Antikythera werden seit Juni 2015 die Forschungen am Schiffwrack fortgesetzt.

Auf Antikythera werden seit Juni 2015 die Forschungen am Schiffwrack fortgesetzt.

Die internationale Expedition am Schiffswrack vor Antikythera wird seit Juni 2015 für weitere fünf Jahre fortgesetzt. Nach einer aktuellen Analyse des Wracks wurde von den Tauchern ein Bereich gesichtet der vermutlich mit Resten eines weiteren Schiffes übersät ist. Es sind aösp möglicherweise zwei große Lastschiffe untergegangen. Es werden erneut wertvolle Funde zu erwarten sein.

Das Ziel des Teams ist, den Meeresgrund am Schiff komplett digital zu Scannen, um dadurch alle Bereiche des Wracks erkennen zu können. Mit dieser digitalen Landkarte können daraufhin Metalldetektoren ein exaktes Layout des Wracks erstellen. Ab September 2015 werden Taucher zum Wrack absteigen, um dort mit den Aushubarbeiten zu beginnen.

Die Ausgrabungen werden von Dr. Angeliki Simosi, Leiterin des Hellenic Ephorate of Underwater Antiquities und dem WHOI-Marinearchäologen Dr. Brendan Foley geleitet.


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Im folgenden Video ein Fachreferat des Marinearchäologen Dr. Brendan Foley, von der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI), vom März 2015. Es werden die neuesten Entdeckungen des Schiffwracks vorgestellt und der Stand der Forschungen zusammengefaßt.

Unser Fazit

Ganz gleich, was noch herausgefunden wird, beweist der Apparat, dass die griechische Astronomie und Mathematik der Antike – größtenteils auf der langen Tradition der Babylonier fußend – viel weiter fortgeschritten war, als wir es uns heute überhaupt vorstellen können.

Der antike Antikythera-Mechanismus stellt nicht nur unsere Vorstellungen über den Technologietransfer im Verlauf der Jahrhunderte infrage, sondern ermöglicht uns auch völlig neue Einblicke in die Geschichte. Es bleibt also weiter spannend, welche Schätze und Erkenntnisse die neueste Expedition 2015 bringen wird.


Website zum aktuellen Expeditions- und Forschungsprojekt Return to Antikythera mit Fotos, Berichten und Videos (englisch).


Video von der Sonderausstellung: „Das Schiffswrack von Antikythera: Das Schiff, die Schätze, der Mechanismus“ des Archäologischen Nationalmuseum in Athen.

Filmdokumentation von 2008: Geschichte der Entdeckung und Enträtselung des uralten Rechengeräts von Antikythera (englisch mit deutschen Untertiteln).


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